Ideenspeicher für Dein Marketing

Von Hamstern, Eichhörnchen und Vorratskammern: Deine Ideenspeicher

Letzte Aktualisierung 1. März 2019

Das erste, was ich direkt nach meinem Abitur 1985 bei meinem Praktikum in einer Werbeagentur gelernt habe, war: Ideen darf man stehlen! Aber man muss wissen, wo und wie!

Dies ist der dritte Teil meiner Serie zu Kreativität im Marketing. Die ersten beiden Teile sind:

Weitere Teile folgen.

Darf man Ideen stehlen?

1985 waren Anzeigen in Zeitungen und Zeitschriften auch für kleine Unternehmen noch ein unverzichtbares Mittel, um Kunden und Interessenten auf sich aufmerksam zu machen. Fernseh- und Radiowerbung waren aus Kostengründen undenkbar und so war die Agentur, in der ich mich auf mein Grafikdesign-Studium vorbereiten wollte, auch gut im Geschäft.

Die Agentur war klein, bestand aus dem Chef, einem fest angestellten Grafiker und mir als Praktikantin (sowie zwei Hunden und zwei Wellensittichen – aber das ist eine andere Geschichte). Meistens arbeitete ich mit dem Grafiker zusammen und gemeinsam brüteten wir über Ideen. Wie konnten wir das Angebot eines Kunden auf dem teilweise winzigen Raum von nur wenigen Quadratzentimetern einer Zeitungsanzeige nebst Kontaktadresse und Telefonnummer präsentieren?

In der Agentur gab es ein riesiges Regal, das vollgestopft war mit Jahrbüchern zu prämierter Werbung. Diese Bände waren unser Kreativitätsspeicher und tägliches Werkzeug.

Mir war das anfangs immer etwas peinlich.

Wir „klauten“ ja die Ideen von anderen!

Muss man nicht immer von allein auf Ideen kommen?

Und müssen die Ideen nicht einzigartig und originell sein, noch nie dagewesen und gedacht?

Nein.

Müssen sie nicht!

Mein Kollege nannte das damals „abkupfern“ und sagte, es sei völlig legitim, wenn man was anderes daraus mache und darauf achte, dass man die Idee nicht 1:1 übernahm. Außerdem würde das seit Jahrhunderten so gemacht. Wobei die Kupferstecher nicht den besten Ruf hatten …

Jahrzehnte später stieß ich dann auf ein interessantes Buch von Austin Kleon, der genau dasselbe sagt: Steal like an artist . Hier in seinem TED-Talk erzählt er etwas dazu:

Ergo: Du brauchst Ideenspeicher!

Das Geheimnis der Kreativität liegt unter anderem also in Ideenspeichern oder Kreativitätsspeichern, die Du anlegst oder anzapfst und Dir zunutze machst. Ohne Inspiration kein kreativer Funke. Darum ist es oft auch so schwierig, in nüchternen Büros auf neue Ideen zu kommen. Hast Du schon mal ein wirklich aufgeräumtes Atelier gesehen? Eben!

Du musst aber nicht gleich zum Messi werden, um für Dein Marketing kreativ zu sein. Ich zeige Dir hier in diesem Artikel, wie Du Dir Kreativitätsspeicher schaffst, die Du immer dann anzapfen kannst, wenn Du Ideen für Dein Marketing brauchst.

Verschiedene kreative Aufgaben erfordern verschiedene Impulse und Vorlagen. Darum habe ich auch verschiedene Kreativitätsspeicher. Die musst Du Dir ein wenig so vorstellen, wie die verschiedenen Vorratskammern, die Hamster in der Natur anlegen. Im Gegensatz zu Eichhörnchen wissen Hamster eigentlich immer, wo sich ihre Vorratskammern befinden. Aber auch Eichhörnchen sind im Kreativitätsprozess wichtig – dazu am Ende mehr!

Swipe Files und Morguefiles

Ein Swipe File ist eine Sammlung von Texten oder Textschnipseln. Im angelsächsischen Raum haben Autoren und Webetexter schon immer welche angelegt und genutzt. Falls Du mehr dazu wissen willst: Vladislav Melnik schreibt auf dem Chimpify-Blog ausführlich darüber.

Der Begriff Morguefile stammt eigentlich aus der Kriminalistik und bezeichnete eine Sammlung von Schriftstücken und Fotos, die während einer Ermittlung gesammelt wurden. Heute bezieht er sich meist auf eine Foto- oder Bildersammlung.

Entsprechende Begriffe sucht man im Deutschen vergeblich. Kreativitätsspeicher trifft es in meinen Augen ganz gut. Aber:

Kreativitätsspeicher ist ein Begriff, der auf Google gerade mal 2.800 Treffer liefert, Ideenspeicher immerhin etwas über 50.000. Morguefile dagegen fast 1,4 Millionen Treffer und Swipe file immerhin rund 780.000 Ergebnisse.

In Deutschland haben wir ein etwas gespanntes Verhältnis dazu, uns Ideenspeicher oder Kreativitätsspeicher anzulegen und zu nutzen. Kreativität muss immer etwas „Genialisches“ haben – was aus der Zeit des Sturm und Drang stammt. Wir haben das Ideal des geborenen Talents, das in einem genialen Moment der Inspiration aus dem Nichts mühelos etwas erschafft. (Was wiederum erklärt, warum Kreativität zwar Bewunderung erfährt, aber niemand wirklich dafür bezahlen möchte).

Leider ist das geniale Talent ein Mythos und Kreativität funktioniert so nicht. Auch wenn viele Kreativschaffende über Jahrhunderte selbst diesen Eindruck gepflegt haben. Aber hinter Kreativität steckt in der Regel viel Arbeit und – wie Austin Kleon es in seiner TED-Rede so schön aufzeigt, eine kreative Tradition. Nutzen wir die also für uns und legen uns eigene Swipe- und Morguefiles an! Das ist gar nicht so schwer:

Nichts ist im Internet schneller erledigt als per Rechtsklick auf ein Bild selbiges auf der eigenen Festplatte zu speichern. Lege Dir einen extra Ordner für Dein Morguefile an und darin dann bei Bedarf weitere Ordner für die Themen, zu denen Du Bildmaterial sammeln möchtest. Beachte: Zu Inspirationszwecken darfst Du alles speichern. Ungefragt verwenden darfst Du nichts! Mit einem Programm wie dem Faststone Image Viewer (nur Windows) oder XnView (Windows, Mac und Linux) kannst Du wie auf einem Dia-Leuchttisch dann bequem Deine Bilder sichten und verwalten.

Für gute Überschriften und Betreffzeilen in Newslettern genügt als Swipe File schon ein einfaches Word-Dokument, das Du immer erweiterst, wenn Du einen tollen Textschnipsel findest, der Dich inspiriert.

Vielleicht hast Du ja schon ein Swipe und ein Morguefile, ohne es zu wissen: Wenn Du auf Pinterest aktiv bist, kann das Dein Morguefile sein oder werden, für Überschriften empfehle ich …

GoogleMail als Ideenspeicher

Für Newsletter und Salesfunnel ist Googlemail mein Ideenspeicher schlechthin. In meinem Postfach befinden sich Mails im mittleren fünfstelligen Bereich. Denn ich nutze meinen Googlemail-Account schwerpunktmäßig, um Newsletter zu abonnieren. Zu Themen, die mich sowohl geschäftlich wie auch privat interessieren. Auf Deutsch und auf Englisch. Und ich habe viele Abos und bestelle nur sehr selten wieder ab.

Was für ein Fundus!

Wenn ich wirklich mal um die Formulierung einer Betreffzeile verlegen bin, brauche ich nur durch Googlemail zu blättern und zu scrollen. Suche ich Anregungen zu einem bestimmten Thema, nutze ich Googles unschlagbare Suche. Inbox-Zero? In diesem Fall in meinen Augen eine ganz blöde Idee!

Ideenspeicher Googlemail

Googlemail als Ideenspeicher für Betreffzeilen

Google Bildersuche

Auch die Google Bildersuche kann ein Speicher für Ideen sein, den Du bequem und kostenlos anzapfen kannst. Achte aber immer darauf, nichts 1:1 direkt zu übernehmen, denn das wäre echtes Stehlen und kann Dich in Schwierigkeiten bringen. Anregen lassen darfst Du Dich immer.

Evernote – mein digitales Catchall und Commonplace Book

Im Deutschen ist das Commonplace Book eher weniger bekannt und hat meines Wissens keine Entsprechung mit ähnlicher Bedeutung. Wenn Dir eine bekannt ist, lasse es mich bitte wissen. Denn Ideenbuch trifft es nicht ganz.

In ein Commonplace Book werden Zitate aber auch eigene Gedanken eingetragen – und genau das mache ich nicht nur mit meinen Notizbüchern, sondern auch mit Evernote. Aber während es in handgeschriebenen Notizbüchern ein ausgeklügeltes Indexsystem braucht, um Informationen darin (schnell und vollständig) wieder zu finden, braucht man in Evernote nur die Suchfunktion zu nutzen.

Seit mehr als zehn Jahren nutze ich dieses geniale Programm und habe mir darin meine eigene Enzyklopädie zu allen Themen, die mich interessieren und die wichtig für mich sind, geschaffen.

Brauche ich also Inspiration zu einem Thema, gebe ich einfach dieses in das Suchfeld ein und lasse mich buchstäblich überraschen. Denn oft präsentiert mir Evernote dann auch Notizen (Webclips und eigene), die auf den ersten Blick nichts mit dem Thema zu tun haben, aber völlig neue Aspekte in mein Denken bringen. So kann ich Bezüge herstellen, auf die andere nicht unbedingt kommen – und daraus entwickeln sich dann neue Ideen.

Ideenspeicher Evernote

Selbst scheinbare abstruse Suchen liefern Treffer! So ist das Suchwort „apfel“ im Notizbuch „Social Media“ schon schräg – und ich bekomme trotzdem Ergebnisse!

Notizbuch Inspiration / Vorlagen

Zusätzlich habe ich in Evernote ein eigenes Notizbuch namens „Inspiration / Vorlagen“ – hier kommen wirklich nur Webclips hinein von Ideen, die mich in einen „Wow“-Zustand versetzt haben. Das durchforste ich, wenn ich mit der normalen Suche nicht weiter komme.

Meine Bücherregale

Wenn es in unserer Wohnung mal brennt, dann brennt es richtig! Was hier in den verschiedensten Regalen an Büchern lagert, macht einer kleinen Vorort-Buchhandlung alle Ehre!

Ich liebe Bücher – und allen Minimalismus-Bestrebungen zum Trotz: Bücher wieder herzugeben, weiter zu verkaufen, zu verschenken oder gar wegzuwerfen … das alles ist in meinen Augen ein großer Frevel und vor allem auch ein Fehler!

Ideenspeicher Bücher

Hier ein winziger Ausschnitt meiner eigenen Fachbibliothek

Es gibt viele Fachbücher, die ich immer wieder hervorhole und einfach nur durchblättere, wenn ich auf der Suche nach Ideen bin. Dabei ist es oft gar nicht mal entscheidend, dass es sich um Bücher zu Marketing und Social Media oder Kreativität handelt – gerade Randbereiche zum Thema, mit dem ich mich gerade auseinander setze, bieten oft die besten Impulse. So verlasse ich ausgetretene Denktrampelpfade und schlage mich auch schon mal mit einer Machete durchs Gebüsch. Mit dem Erfolg, wunderbare Orte zu finden, an denen bisher niemand oder nur wenige Menschen waren.

Viele Ideen kommen mir natürlich schon beim ersten Lesen und ich versuche immer, diese festzuhalten. So ist beim Lesen mein Notizbuch immer an meiner Seite und wird mit Zitaten aber auch mit Überlegungen zum Gelesenen gefüllt. Seit Studentenzeiten habe ich dafür mein eigenes System, so dass ich auf der Basis meiner Notizen sogar noch Jahre später genaue Quellenangaben  machen kann.

Meine analogen Notiz- und Skizzenbücher

Schöne Notizbücher und Skizzenbücher habe ich schon immer geliebt. Als dann vor rund 20 Jahren die ersten Moleskine Notizbücher auf den deutschen Markt kamen, war ich schockverliebt. Etwa um die gleiche Zeit habe ich nach gut 15-jähriger Pause wieder angefangen zu zeichnen – und ein nicht unbeträchtlicher Teil des Regalraums in meinem Arbeitszimmer ist rappelvoll mit gefüllten Notiz- und Skizzenbüchern.

Ideenspeicher Notizbücher

Über die Jahre habe ich ungezählte Notiz- und Skizzenbücher gefüllt.

Auch diese sind mir immer wieder eine willkommene Inspirationsquelle für neue Ideen. Hier bestehle ich mich also quasi selbst. 🙂

Wenn ich auf der Suche nach Ideen bin, greife ich mir gern wahllos ein älteres Notizbuch und schlage es auf irgendeiner Seite auf. Oder ich blättere von hinten nach vorn. Oder ich öffne nur jede x-te Seite. Dann schaue ich, was ich dort finde und ob es etwas in mir auslöst. Das Ganze nennt man auch Serendipity.

Serendipity – die Eichhörnchentechnik

Serendipity (ich bevorzuge den englischen Begriff, Serendipität darfst Du aber auch sagen) ist eines dieser unübersetzbaren Wörter, die man sich auch nicht durch Nachdenken erschließen kann. „Glücklicher eingeladener Zufall“ trifft es noch am ehesten. Die Wikipedia erzählt Dir mehr dazu und zur Wortherkunft.

Due Nutzung des Serendipity-Effekts ist in meinen Augen die wichtigste Anwendung für Deine Ideenspeicher. Klar, man kann auch rational und systematisch dabei vorgehen. Aber die schönsten und originellsten Ideen, die, die bei anderen den „Wow-Effekt“ auslösen, sind oft die, auf die man eben nicht mit Systematik kommt. Die, bei denen man etwas nachdenken muss, um den Zusammenhang zu sehen.

Und was hat das nun mit Eichhörnchen zu tun?

Im Gegensatz zum Hamster, der immer weiß, wo seine Vorratskammern sind, vergisst ein Eichhörnchen über den Winter schon mal, wo es etwas Leckeres verbuddelt hat. Und so kann es sein, dass daraus dann im Frühjahr ein hübscher kleiner Baum wächst. An einer Stelle, die nie jemand auf dem Schirm hatte. Wenn das nicht von der Natur perfekt umgesetzte Serendipity ist!

Fazit

Bestimmt hast Du schon eigene Ideenspeicher, die Du vielleicht einfach noch nicht richtig anzapfst. Eigene anzulegen macht riesigen Spaß, vor allem, wenn Du Dich nicht unter Druck setzt und Dir Zeit gibst. Mit Evernote und dem Webclipper ist es schnell und einfach – und Du wirst merken, dass Dir das Sammeln von Anregungen ganz schnell zur zweiten Natur wird.

Nutzt Du die von mir beschriebenen Ideenspeicher und Methoden bereits? Hast du noch andere Kreativitätsspeicher? Oder findest Du dieses Vorgehen völlig daneben? Und falls ja, warum? Schreib mir doch gerne einen Kommentar! Und wenn’s schnell gehen muss: Für fünf Sterne ist doch immer noch Zeit, oder? Einfach auf das rechte Sternchen außen klicken und das war es schon! Danke!

5/5 (4 Reviews)

Über den Autor Birgit Schultz

Ich bin Birgit Schultz von Marketing-Zauber und ich unterstütze Solopreneurinnen (Einzelunternehmer) bei ihrem Online- und Social Media Marketing. Mein Fokus liegt auf dem strategischen und effizienten Einsatz von Social Media und Content Marketing für die Erhöhung von Bekanntheit, Reichweite und Reputation. Denn nur wer Dich kennt, kann bei Dir kaufen!

follow me on:

Hinterlasse einen Kommentar:

6 comments
Füge Deine Antwort hinzu